Grimme Online Award: Skandal um zurückgezogenen Preis erschüttert Verleihung
Berndt MitschkeGrimme Online Award: Skandal um zurückgezogenen Preis erschüttert Verleihung
Verleihung des Grimme Online Awards: Preis-Entzug sorgt für Eklat
Die diesjährige Verleihung des Grimme Online Awards war von einer Kontroverse überschattet, nachdem eine Auszeichnung in letzter Minute zurückgenommen wurde. Der unabhängige Förderverein hinter dem Preis, die Verein der Freunde des Adolf-Grimme-Preises, widerrief die Ehrung für den Instagram-Kanal Femizide stoppen von Judith Scheytt, der Femizide dokumentiert. Die Entscheidung löste Proteste aus: Zwei weitere Preisträger lehnten aus Solidarität ihre eigenen Auszeichnungen ab.
Unter den ausgezeichneten Projekten befanden sich Kanäle zu den Themen Gesundheit, Behindertenbewusstsein und psychische Gesundheit. Doch der Streit um die Unabhängigkeit der Jury und mögliche externe Einflüsse dominierte die Veranstaltung.
Der Grimme Online Award würdigt herausragende digitale Inhalte – in diesem Jahr wurden sowohl Bildungs- als auch Social-Media-Projekte prämiert. Dazu gehörte der Instagram-Kanal Gynäkollege von Mertcan Usluer, der verständliche Aufklärung über gynäkologische Gesundheit bietet. Ein weiterer Preisträger, Barrierebrecher, zeigt in intimen Porträts den Alltag von Menschen mit Behinderungen. Auch Kanäle wie Little Monsters (psychische Gesundheit) und Know & Grow (Mythen rund um Fitness) wurden für ihren Beitrag zur öffentlichen Wissensvermittlung geehrt.
Die Veranstaltung nahm eine dramatische Wende, als der Förderverein die Auszeichnung für Scheytts Femizide stoppen zurückzog – mit Verweis auf Kritik und Vorwürfe des Antisemitismus. Grimme-Direktorin Çiğdem Uzunoğlu bezeichnete den Schritt später als "formell inkorrekt" und kündigte an, das Institut künftig vom Verein zu distanzieren. Zudem versprach sie eine Debatte über die Unabhängigkeit von Jury-Entscheidungen.
Aus Protest gegen die Entscheidung lehnten die Regisseure Moritz Riesewieck und Hans Block ihre eigene Auszeichnung ab. Sie verließen die Bühne, nachdem sie den Preis auf dem Podium zurückgelassen hatten – ein Grimme-Mitarbeiter hob ihn später auf. Block verurteilte den Entzug als "massiven Angriff auf die Jury-Unabhängigkeit" aufgrund externen Drucks. Riesewieck ging noch weiter und warf Uzunoğlu vor, Verantwortung zu umgehen. Berichten zufolge hatte sich ein Teil der Jury gegen die Entscheidung ausgesprochen, doch der Verein setzte sie trotzdem durch.
Nun steht der Grimme Online Award vor Fragen zur Governance und zum Spannungsfeld zwischen Jury-Autonomie und externen Einflüssen. Uzunoğlus Ankündigung, das Verfahren zu reformieren, deutet auf Veränderungen hin – doch eine breitere Debatte über die Unabhängigkeit von Preisen in Deutschland ist bisher ausgeblieben. Die ausgezeichneten Projekte – von Behindertenrecht bis Gesundheitsaufklärung – arbeiten unterdessen weiter, unbeeindruckt vom Streit.