"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquität der Begierde
"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Verlangen
Was tun mit einem Skandalstück von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Interpretation von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.
Die Komische Oper Berlin hat eine mutige Neuinszenierung von Richard Strauss’ Salome vorgestellt, die unter der Regie von Evgeny Titov steht. Die Premiere fand am 23. November 2025 statt, mit Nicole Chevalier in der Titelrolle und James Gaffigan am Dirigentenpult. Das Werk, das einst wegen seines skandalösen Rufs an der Wiener Hofoper verboten war, erhält hier eine frische, intensive Lesart.
Richard Strauss’ Salome löste bei ihrer Uraufführung um 1900 einen Sturm der Entrüstung aus. Die Wiener Hofoper weigerte sich zunächst, das Stück aufzuführen, da die biblische Geschichte von Lust und Gewalt als zu provokant galt. Mehr als ein Jahrhundert später zählt das Werk jedoch zu den Publikumslieblingen – gefeiert für seine packende Musik und die dichte Erzählweise.
Evgeny Titovs Inszenierung betont die dunklen Themen der Oper mit einem schroffen, matt-goldenen Gewölbe-Bühnenbild von Rufus Didwiszus. Der Regisseur stellt das Verlangen in den Mittelpunkt und zeigt Figuren, die nach Halt bei denen suchen, die sie zurückweisen. Doch der ästhetische BDSM-Party-Look des Hofes verblasst in entscheidenden Momenten und mildert so die beabsichtigte Wirkung. Nicole Chevalier meistert die anspruchsvolle Rolle der Salome, trotz der körperlichen Herausforderungen durch ihr Kostüm, mit einer kraftvollen Darstellung. Titovs Inszenierung des berüchtigten Tanzes der sieben Schleier involviert mehrere maskierte Tänzer, was Herodes’ Erregung steigert, Salomes Kontrolle jedoch schwächt. Matthias Wohlbrechts Herodes, mit schneidender Stimme, unterstreicht die Grausamkeit und das Entsetzen des Herrschers.
Die Berliner Produktion stand unter einer ungewöhnlichen Auflage: Im Finale musste der Stern von Bethlehem erscheinen. Trotz dieser Vorgabe zieht die Oper ein großes Publikum an; weitere Vorstellungen sind für den 7., 12. und 18. Dezember geplant.
Die Salome der Komischen Oper Berlin verbindet Respekt vor der Tradition mit kühnen Entscheidungen. Ihr Erfolg spiegelt sowohl die anhaltende Faszination des Werks als auch die überzeugenden Interpretationen des Ensembles wider. Zuschauer haben noch an drei Terminen im Dezember die Möglichkeit, die Produktion zu erleben.
