Vom DDR-Prestigeobjekt zum Jenaer Multifunktionswunder: Die Jentower-Saga
Reingard FaustVom DDR-Prestigeobjekt zum Jenaer Multifunktionswunder: Die Jentower-Saga
Der Jentower in Jena ist ein markantes Wahrzeichen mit einer bewegten Geschichte. 1972 unter Führung der DDR erbaut, war er für kurze Zeit das höchste Bauwerk Deutschlands. Sein kühnes Design und die wechselnden Funktionen spiegeln politische Ambitionen und wirtschaftliche Herausforderungen über die Jahrzehnte wider.
Die Ursprünge des Turms reichen bis ins Jahr 1915 zurück, als Friedrich Pützer an gleicher Stelle Deutschlands erstes Stahlbeton-Hochhaus errichtete. Jahrzehnte später entwarf Walter Gropius in den 1920er-Jahren einen Wolkenkratzer für diesen Standort, doch das Projekt wurde nie verwirklicht. In den 1960er-Jahren planten DDR-Funktionäre und der VEB Carl Zeiss Jena einen Forschungsturm als Symbol des sozialistischen Fortschritts. Trotz Bedenken von Zeiss wegen der unpraktischen runden Form bestand Walter Ulbricht darauf und erklärte schlicht: "Hauptsache, er wird rund."
Für den Bau mussten rund 100 Wohn- und Geschäftsgebäude abgerissen werden. Der Turm sollte die "Größe und Überlegenheit des Sozialismus" demonstrieren und zugleich die "kapitalistische Stadt der Vergangenheit" tilgen. Stattdessen eröffnete er 1972 als Interhotel Jen, ein 25-stöckiges Hotel mit Platz für 600 Gäste. Doch der westliche Tourismus blieb begrenzt, und die Auslastung lag selten über 50 %.
Nach der Wiedervereinigung 1990 verschärften sich die Probleme. Privatisierungsversuche scheiterten, und das Gebäude stand jahrelang weitgehend leer. Eine umfassende Sanierung 2018, finanziert von privaten Investoren, verwandelte den Turm. Bis 2026 entwickelte er sich zu einem vielseitig genutzten Komplex mit Luxushotel, Büros und Veranstaltungsräumen.
Heute beherbergt das Erdgeschoss des Jentowers einen Supermarkt, eine Buchhandlung und eine Filiale der Deutschen Bank. Sein Gourmet-Restaurant und das modernistische Design ziehen weiterhin Besucher an und festigen seinen Status als lokales Wahrzeichen.
Die Geschichte des Jentowers spiegelt die größeren Umbrüche der deutschen Geschichte wider: Vom sozialistischen Symbol zum kämpfenden Hotel und schließlich zum erfolgreichen Mixed-Use-Projekt hat seine Anpassungsfähigkeit das Überleben gesichert. Die Sanierung 2018 markierte einen Wendepunkt – sie brachte hohe Auslastung zurück und verankerte den Turm dauerhaft im städtischen Gefüge Jenas.
