Bistum Erfurt bestätigt 78 Missbrauchsfälle – Streit um Aufarbeitung eskaliert
Adriana HaufferKommission zur Bearbeitung von Sexualmissbrauchsbeschwerden klagt über Hindernisse in der Diözese Erfurt - Bistum Erfurt bestätigt 78 Missbrauchsfälle – Streit um Aufarbeitung eskaliert
Das Bistum Erfurt hat nun 78 Fälle von sexuellem Missbrauch bestätigt, an denen seit 1945 insgesamt 64 beschuldigte Personen beteiligt waren. Diese Erkenntnisse stammen von der Unabhängigen Kommission, die 2021 eingerichtet wurde, um historische Missbrauchsfälle innerhalb des Bistums zu untersuchen. Der jüngste Jahresbericht, der am 29. Oktober 2024 veröffentlicht wurde, hat für Kontroversen gesorgt – vor allem vor dem Hintergrund der anhaltenden Spannungen zwischen der Kommission und den Kirchenvertretern.
Der Bericht erschien nur einen Tag vor der Beerdigung von Joachim Wanke, dem ehemaligen Bischof des Bistums, dessen Vermächtnis durch frühere Versäumnisse bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen belastet ist.
Die Unabhängige Kommission war 2021 ins Leben gerufen worden, um Vorwürfe von Missbrauch seit 1945 zu prüfen. Bis Oktober 2024 hatte sie 78 Opfer dokumentiert und 64 Beschuldigte identifiziert, darunter 25 Kleriker. Ursprünglich hatte die Kommission erwogen, rechtliche Schritte einzuleiten, verzichtete jedoch darauf aus Sorge, dass langwierige Gerichtsverfahren die Aufarbeitung verzögern könnten.
Die Beziehungen zwischen der Kommission und dem Bistum haben sich zunehmend verschlechtert. Kirchenvertreter werden vorgeworfen, die Ermittlungen behindert zu haben – unter anderem mit Verweis auf Datenschutzbestimmungen und die Befürchtung, Opfer könnten retraumatisiert werden. Bischof Ulrich Neymeyr bezeichnete den aktuellen Bericht als ein "unfertiges Arbeitsdokument", das niemals für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sei.
Die Veröffentlichung des Berichts zu diesem Zeitpunkt verschärfte die Spannungen weiter. Er erschien am 29. Oktober, einen Tag vor Wankes Beisetzung. Während des Gedenkgottesdienstes nahm Neymeyr indirekt auf den Missbrauchsskandal Bezug und räumte ein, Wanke habe während seiner Amtszeit "Fehler und Sünden" begangen. Er bat im Namen des verstorbenen Bischofs um göttliche Vergebung.
Wanke selbst hatte zu Lebzeiten bereits Versäumnisse bei der Ahndung missbrauchender Priester eingeräumt. Vor seinem Tod veröffentlichte er eine öffentliche Entschuldigung und ein schriftliches Bekenntnis, in dem er Fehlverhalten in der Aufsicht über Täter eingestand. Die Kommission plant nun, ihren Abschlussbericht noch in diesem Herbst vorzulegen, auch wenn weitere Auseinandersetzungen mit dem Bistum wahrscheinlich sind.
Laut den Erkenntnissen der Kommission beläuft sich die Zahl der bestätigten Missbrauchsfälle in Erfurt damit auf 78, darunter 25 beschuldigte Kleriker. Die Kirchenführung steht weiterhin in der Kritik, insbesondere wegen mangelnder Transparenz und Kooperationsbereitschaft bei den Ermittlungen. Der für die kommenden Wochen erwartete Abschlussbericht wird zeigen, ob weitere Maßnahmen ergriffen werden, um die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten.






