16 March 2026, 12:19

Gockels radikale Wallenstein-Neuinterpretation an der Schaubühne Berlin schockt und fasziniert

Ein sowjetisches Propagandaplakat mit einem Hammer und einer Sichel sowie Text, wahrscheinlich in Zusammenhang mit der Sowjetunion.

Gockels radikale Wallenstein-Neuinterpretation an der Schaubühne Berlin schockt und fasziniert

Regisseur Jan-Christoph Gockel inszeniert an der Berliner Schaubühne eine kühne Neuinterpretation von Schillers Wallenstein

Die Produktion verbindet Theater, Technologie und politische Kommentare zu einem ungewöhnlichen Ganzen – unter anderem durch eine mechanische Vorrichtung, die den gelähmten Körper des Schauspielers Samuel Koch wie eine Marionette bewegt. Um ihn herum verwandelt sich das Ensemble von Köchen in Soldaten und verwebt die Grausamkeit des Krieges mit schwarzem Humor und sinnlicher Immersion.

Der Abend begann mit einer Vortragsperformance des russischen Künstlers Serge, der sich mit Kriegsprofiteuren auseinandersetzte – inspiriert von Jewgeni Prigoschins Kinderbuch. Mit einem Harry-Potter-Zauber, Ridikulus, verwandelte er Angst in Satire und setzte damit den Ton für eine Inszenierung, die Schrecken und Ironie in Balance hielt. Anschließend verschob sich die Bühne zu einer langen Küchenzeile, wo das Ensemble unter Nahaufnahme-Kameras und Mikrofonen Zutaten zerkleinerte. Das Klappern der Messer und das Zischen des Essens schufen eine intime, fast filmische Atmosphäre.

Im Verlauf der Aufführung verwandelten sich die Küchenkräfte in Bauern, dann in Wallensteins Soldaten. Schauspielerinnen zogen Muskelkostüme und falsche Bärte an, nahmen breibeinige Stände ein und brüllten mit gutturalen Lauten, um die Brutalität des Krieges zu verkörpern. Der berühmte Satz "Der Krieg nährt den Krieg" hallte durch den Saal, während André Benndorffs Questenberg das Publikum herausforderte: Warum einen Konflikt beenden, wenn so viele davon profitieren?

Gockel kürzte Schillers Originaltext stark und fügte Prologe, Epiloge sowie eine hoffnungsvolle Passage der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ein. Der Höhepunkt der Inszenierung kam spät – eine mechanische Konstruktion, die Kochs Körper für kurze Momente bewegte, sodass er die Arme heben und zwei unsichere Schritte machen konnte. Dieser gespenstische Augenblick unterstrich die Zerbrechlichkeit menschlicher Kontrolle im Chaos.

Das "Schlachtmahl in sieben Gängen" rahmte die beiden verschlungenen Handlungsstränge – Wallensteins Aufstieg und die Liebe zwischen seiner Tochter und Max Piccolomini – als dialektischen Konflikt ein. Doch die Parade grotesker Figuren trübte mitunter die emotionale Wucht der Romanze. Die Produktion schloss sich damit einem wachsenden Trend an: Deutsche Bühnen setzen sich zunehmend mit der Rolle der Wagner-Gruppe in der Ukraine auseinander – von Berlins "Wagner – Die Bühne der Barbaren" (2023) bis zu Dortmunds "Afrika Korps 2.0" (2025), das die Söldnerkampagnen in Afrika mit ihren Taktiken in der Ukraine verknüpft.

Gockels Wallenstein vereint physisches Theater, politische Kritik und experimentelles Erzählens. Die marionettenhaften Bewegungen Kochs und die wandelbaren Rollen des Ensembles hinterließen ein bleibendes Bild vom entmenschlichenden Kreislauf des Krieges. Angesichts der häufigen Auseinandersetzung deutscher Bühnen mit der Gewalt der Wagner-Gruppe steht diese Inszenierung zugleich als historische Neudeutung und als schonungslose Reflexion über moderne Konflikte.

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